Windrad am Himmelreich über Siebeneich?

Veröffentlicht am 05.03.2012 in AG 60plus

Manfred Scholl erklärt anschaulich die Herausforderungen der Energiepolitik

Energiewende mit der grün-roten Landesregierung / Infos über Windkraftanlage

"Gläsernes Bioenergiedorf Siebeneich". So nennt sich der mit 200 Einwohnern kleinstete Teilort der über 12 000 Einwohner zählenden Hohenlohekreis-Gemeinde Bretzfeld. Siebeneich produziert mehr Energie (1,7 Millionen kWh) als es verbraucht (600 000 kWh). Und zwar dank einer Biogasanlage, für die über 400 Rinder sorgen, mit angeschlossenen Nahwärmenetz, das sechs Häuser versorgen kann, sowie Biomasse aus der Energiepflanze Miscanthus (Chinaschilf), von der ein Hektar rund 6000 Liter Heizöl ersetzen kann, ferner Photovoltaik und Holzfeuerung. Was noch fehlt, ist eine Windkraftanlage auf der Höhe über der bekannten Weinbaulage Himmelreich.
Das ist der Traum des Bretzfelder Bürgers und Windenergie-Enthusiasten Dipl.-Ing. Manfred E. Scholl, der bei der Arbeitsgemeinschaft 60 plus des SPD-Kreisverbands Heilbronn-Land in der Regionalgeschäftsstelle Heilbronn über die Energiewende-Politik der grün-roten Landesregierung insbesondere im Hinblick auf den Ausbau der Windkraftanlagen fachkundig referierte.

Derzeit beträgt der Beitrag der Windenergie zur gesamten Stromleistung in Baden-Württemberg noch nicht einmal ein Prozent. Damit ist der Südweststaat Schlusslicht in Deutschland; bundesweit kommt knapp sechs Prozent der Stromerzeugung aus Windkraft. Es besteht also erheblicher Nachholbedarf in Baden-Württemberg, den das Land durch die Zubau von über 1000 neuen Windkraftanlagen bis 2020 erfüllen will. Schließlich hat sich auch die Bundesregierung nach dem Atomausstiegsbeschluss das Ziel gesetzt, verstärkt auf erneuerbare Energien (neben Wind vor allem Photovoltaik und Biomasse) zu setzen, und 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen soll, ein Drittel und bis 2050 mindestens 80 Prozent des Bedarfs mit regenerativer Energie zu bestreiten; aktuell sind es 17 Prozent mit über 2,2 MW Nennleistung.
Je windiger eine Gegend ist, umso interessanter ist natürlich eine Windanlage. In Norddeutschland, und vor allem in Küstennähe, weht der Wind nun einmal stärker als im Binnenland Baden-Württemberg. Dennoch gibt es auch hier "windige Ecken", so in Hohenlohe, mehr in Osten als im Westen, während das Heilbronner Unterland windarm ist und sich wohl nicht für die Installation von Windrädern eignet. Hinzu kommt: Je höher und größer die Windkaftanlage ist, umso besser ist ihre Ausbeute, denn die Dichte der kinetischen Energie der Luftströmung wächst quadratisch mit der Windgeschwindigkeit. Das führt dazu, dass die Tendenz zu immer größeren Anlagen geht. Die durchschnittliche Leistung je Anlage hat sich in den letzen 20 Jahren verzwanzigfacht.
Scholl stellt heraus, dass sich damit auch steigende Anforderungen an Technik und Infrastruktur ergeben: Eine 1 MW-Windanlage hat eine Nabenhöhe von 80 m und einen Rotordurchmesser von 650 m und erfordert einen Abstand von 400 m, während eine 3 MW-Anlage eine Nabenhöhe von 150 m und einen Rotordurchmesser von 120 m hat und einen Abstand von 800 m verlangt. Dabei gibt es besondere Vorschriften des Sicherheitsabstands zu Straßen und Schienen und zu bebautem Gebiet, wobei die Wachstumspotenziale einer zukünftigen Siedlungsentwicklung zu berücksichtigen ist. Natürlich geht es auch um Lärm- und Schallschutz sowie Schattenwurf.
Wichtig ist die Novellierung des Landesplanungsgesetzes zum 1. 9. 2012, demzufolge die zuständigen Regionalverbände künftig Ausschlussgebiete für Windenergieanlagen festlegen dürfen, sondern nur noch Vorranggebiete. Damit erhalten die Kommunen mehr Gestaltungsspielraum, zumal neuerdings auch Einzelanlagen möglich sind; bislang waren nur für mindestens drei Anlagen geeignete Flächen ausweisbar. Während zuvor Windanlagen nur genehmigungsfähig waren in Lagen, die eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 5,3 m/Sekunde (in Nabenhöhe von 50 m) aufwiesen, gibt es künftig einen niedrigst möglichen Wert von 4,6 m/Sekunde in der Hauptwindrichtung.
Scholl sieht all diese Bedingungen erfüllt für eine Windanlage im Siebeneichener Himmelreich an der Kreisgrenze, nachdem er in einer Projektstudie mit dem Edurard-Mörike-Gymnasium in Neuenstadt umfangreiche Nachforschungen angestellt hat. Dennoch ist er skeptisch im Hinblick auf eine mögliche Realisierung. Zum einen befindet sich unweit des favorisierten Standorts ein Steinbruch, der Greifvögel anzieht, die nach Bedenken des Nabu durch die Rotorblätter gefährdet werden könnten. Deshalb erforscht Scholl derzeit mit Schülern und Freunden vor allem den möglichen Bestand an Milanen in der Umgebung. Zum anderen ist es auch eine kritische Frage, ob es verkehrstechnisch möglich ist, das erforderliche Material unter vertretbaren Bedingungen herbeizuschaffen.
Schließlich stellt sich noch die Preis- und Rentabilitätsfrage. Immerhin gibt es ja das von der rot-grünen Bundesregierung 2001 beschlossene Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energie, das dem Klimaschutz dienende "Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG)", das das Stromeinspeisungsgesetz von 1991 ersetzte, und Netzbetreiber verpflichtet, regenerative Energie vorrangig einzuspeisen. Für Windanlagen "an Land" gibt es eine Grundvergütung von 5,02 Cent/kWh plus einen Standardleistungsbonus von 0,5 Cent/kWh, wobei sich die Gesamtvergütung je nach besonderer Spezifikation bis auf 9,41 Cent/kw (bis 2014, dann 8,66 Cent/kWh) erhöhen kann.
Kritisch merkt Scholl in diesem Zusammenhang an, dass der Ausbau der Offshore-Windparks, also der Windkraftwerke in Nord- und Ostsee, intensiver vorangetrieben wird. Sie erbringen eine deutlich höhere Stromausbeute als an Land, sind natürlich auch deutlich teurer und komplizierter. Rohre für Fundamente müssen 30 m tief in den Meeresgrund gerammt und dann mit Beton verstärkt werden. Offshore-Windparks erfordern Investitionen von jeweils rund 30 Millionen Euro und werden von den großen deutschen Energieversorgungsunternehmen lukrativ betrieben. Die Stromeinspeisungsvergütung für solche Anlagen wurde von 13 auf 19 Cent/kWh erhöht.
Unter den gegebenen Umständen ist Scholl sich nicht sicher, ob sich die ambitionierten Ziele für die Windkraft tatsächlich realisieren lassen. Gegenwärtig zeigt sich, dass mitunter das Angebot von Windenergie höher ist als der Bedarf im Netz, so dass Abschaltungen von Windkaftanlagen vorgenommen werden müssen; der latente Einspeisungsausfall wird allerdings vergütet.
Am Tage der Windkraft-Veranstaltung der SPD-AG wurde übrigens in Heilbronn die Netzleitstelle für Nord-Württemberg und Baden in Betrieb genommen. Sie umfasst ein Gebiet von über 8000 qkm mit einem 10 500 km langen Netz und 14 500 Umspannstationen. Sie hat die Aufgabe, eine zuverlässige Stromversorgung sicher zu stellen, das Netz auf Funktionsfähigkeit zu überwachen sowie Zu- und Abschaltungen zu steuern.
Manfred Scholl gibt zu bedenken, dass die Finanzierung einer Windkraftanlage nicht unproblematisch ist. Ein modernes "gängiges" Windkraftwerk erfordert Investitionen von rund vier Millionen Euro Die laufenden Kosten machen mindestens zehn Prozent der Erlöse aus. Außerdem ist vorweg eine Rücklage von 200 000 Euro für den Rückbau zu hinterlegen, denn eine Windanlage ist für höchstens 20 Jahre angelegt.
Vielfach bieten sich als Betreiber Investmentpools an, die Anleger suchen. Da kommt es darauf an, sich einen seriösen Investor anzuvertrauen, denn man kann auch einem windigen Spekulanten anheim fallen, wie es dem Windkraft-Freund Scholl auch schon passiert ist. Deshalb plädiert Scholl für das Modell des Bürgerwindrads in Form einer lokalen Genossenschaft. Das biete neben eventuell höheren Ergebnisbeiträgen auch Mitentscheidungsmöglichkeiten und auch einen Identitätsbasis, denn die gesellschaftliche Akzeptanz der regenerativen Energien und auch der Windenergie ist nicht immer gegeben. Sei es wegen einer vorgeblichen Verschandelung bzw. Verspargelung der Landschaft als auch wegen steigender Strompreise. Schließlich hat sich die EEB- Umlage im Strompreis seit 2003 von 0,41 auf 3,592 Cent/kWh erhöht. Doch - so Scholls Fazit - ist trotz aller Schwierigkeiten und Bedenken ist das Konzept der regenerativer Energie und Windkraft zumal allemal den unvorhersehbaren Risiken einer - mit Milliarden-Subventionen hochgepuschten - Atomwirtschaft vorzuziehen.
Ob nun das Himmelreich über Siebeneich mit einer Windkraftanlage ausgestattet wird oder nicht - Die SPD-Senioren der AG-60 plus wollen jedenfalls zu gegebener Zeit mal Siebeneich, den dortigen Energielehrpfad und den örtlichen Besen besuchen.

 

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Josip Juratovic (MdB)

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